Falkensee: Stolpersteinverlegung in Finkenkrug am 16. November 2016 – die „Mega-Erinnerung“?

Am 16. November 2016 wurden zwischen 14.30 und 16.30 Uhr im Ortsteil Finkenkrug weitere Stolpersteine für Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes verlegt. Erstmals erinnern auch einige Steine an Überlebende des Nazi-Terrors. Damit wird das europäische Kunstprojekt des heute in Köln lebenden, jedoch in Nauen und Berlin aufgewachsenen Künstlers Gunter Demnig fortgesetzt. Er nahm persönlich die Verlegungen vor, denn „…ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Stolpersteine wollen dem entgegenwirken und den Verfolgten ihre Namen zurückgeben! Wer einen Stolperstein betrachtet, verbeugt sich automatisch und ehrt damit die ehemaligen Nachbarn. Wie in der Vergangenheit wird die Aktion durch die Falkenseer Stadtverwaltung unterstützt.

– 14.30 Uhr: vier Stolpersteine für Familie Schaarwächter in der Holbeinstraße 42/46
– 15 Uhr: zwei Stolpersteine für das Ehepaar Jacoby in der Leistikowstraße 13
– 15.30 Uhr: ein Stolperstein für Charly Friedenthal in der Leistikowstraße 40
– 16 Uhr: drei Stolpersteine für Familie Rothenberg in der Karl-Marx-Straße 40.

Insgesamt sind damit im Osthavelland 40 – ausschließlich durch private Spenden finanzierte – Stolpersteine verlegt. Wenn auch Sie helfen wollen, können Sie gern spenden, selbstverständlich sind auch Teilbeträge willkommen.

Insgesamt nahmen jeweils zwischen 20 und 50 Bürger an den Verlegungen teil. An jedem der vier Verlegeorte wurde die veranstaltung von biographischen und kulturellen Beiträge begleitet. Zahlreiche Interessierte, Verwandte, Anwohner kamen ins Gespräch. Einige Mitglieder der Stolpersteingruppe trafen sich anschließend im Restaurant „Kronprinz“ zum Ausklang.

Die gedruckten Faltblätter über die Aktion liegen an folgenden Orten aus: Museum & Galerie Falkensee, Falkenhagener Straße 77, Bürgeramt in der Poststraße, Bürgerhaus Finkenkrug in der Feuerbachstraße, Kulturhaus Falkensee am Kreisverkehr Havelländer Weg und Haus am Anger in der Spandauer Straße.

Homepage der Vorbereitungsgruppe Stolpersteine: www.stolpersteine-falkensee.de

Artikel de „Märkischen Allgemeinsen Zeitung“ vom 17. November 2016:

http://www.maz-online.de/Lokales/Havelland/Zehn-Stolpersteine-zieren-nun-die-Buergersteige

 

Der nicht online gestellte Kommentar zum Beitrag, der die Verlegung von Stolpersteinen für Überlebende des Nazi-Terrors kritisierte, erforderte einen Leserbrief, welcher kurze Zeit später im Wesentlichen veröffentlicht wurde:

„Für den faktenreichen und warmherzig geschriebenen Bericht über die Stolpersteinverlegung in Falkensee-Finkenkrug möchten ich mich im Namen der Vorbereitungsgruppe Stolpersteine herzlich bedanken! Der Kommentar dazu stimmte uns nachdenklich. Selbstverständlich teilen wir Ihre Einschätzung, dass Erinnerungsarbeit in heutiger Zeit an zunehmender Bedeutung gewinnt und das breite Spektrum der Möglichkeiten auch anderen Formen der Erinnerung zulässt. Bereits in der Vergangenheit haben wir – wann immer es sich anbot – solche Aktivitäten tatkräftig unterstützt, sei es durch unser persönliches Interesse oder die publizistische Begleitung. Allerdings kann vom tsunamiverdächtigen „Mega-Erinnern“ durch die Verlegung weiterer zehn Stolpersteine noch keine Rede sein. Auch die „Aufweichung der Gedenkkriterien“ trifft kaum den Kern der Sache. Beim Kunstprojekt Gunter Demnigs für Europa, das immerhin über 60.000 Steine hervorgebracht hat, steht seit jeher nicht das tote Opfer, sondern der durch die Nationalsozialisten verfolgte Mensch im Mittelpunkt. Wir haben uns in der Gruppe dieser Sicht angeschlossen, denn wer Stolpersteine nur Toten zubilligt, verkürzt hier gewaltig und macht diese damit zu „Premiumopfern“. Selbst wenn es in Zukunft gelingen sollte, die Zahl der verlegten Stolpersteine zu vervielfachen, würde so immer noch nur an einen kleinen Bruchteil der Millionenfach durch die Nazis Ermordeten erinnert. Die Gefahr einer „Mega-Erinnerung“ besteht demnach eher nicht.

Im Osthavelland fangen wir ohnehin im Kleinen an – mit der Lokalgeschichte vor unseren eigenen Haustüren. Das große Interesse und die Anteilnahme unter den Falkenseern und zahlreichen Gästen während der vergangenen Verlegeaktionen waren wiederum für sich selbst sprechend. Institutionen unabhängig kann somit das Aufsuchen verlegter Steine selbstständig & öffnungszeitenunabhängig erfolgen und wird – wie uns wiederholt berichtet wurde – auch gut angenommen.

Für den Beginn einer konstruktiven Debatte über heute angemessene Formen des Erinnerns steht unsere Gruppe gern bereit. Lassen Sie uns gemeinsam dieses Unterfangen angehen! Wir laden Interessierte herzlich zu unserer nächsten Zusammenkunft am 10. Januar 2017 um 19 Uhr in die Bahnhofstraße 80 ein!

Mit besten Grüßen

Dr. Ines Oberling

Sprecherin der Vorbereitungsgruppe Stolpersteine für Falkensee und Umgebung (Osthavelland)“

 

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